Der Nebel des Schweigens über dem Land der aufgehenden Sonne – Interview mit Alexander Tesch zur aktuellen Situation in Japan

Der Nebel des Schweigens über dem Land der aufgehenden Sonne

Japan fünf Jahre nach Fukushima

Gesellschaft  Ohne jede Vorwarnung brach am 11. März 2011 die Dreifach-Katastrophe über Japan herein und forderte auf einen Schlag 19 000 Menschenleben. Nach Erdbeben und Tsunami hielt das vor laufenden Fernsehkameras explodierende Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die Welt tagelang in Atem.

Inzwischen ist es ruhig geworden um diese Atomkatastrophe, und es scheint, als läge über Japan ein undurchdringlicher Nebel des Schweigens, der keinen Laut und keine Information mehr über die tatsächlichen und weiterhin bedrohlichen Folgen des Nukleardesasters an die Außenwelt dringen lässt. Der Fotojournalist Alexander Tetsch hatte Gelegenheit, die betroffene Region zu besuchen. Drei Wochen lang war er in Japan unterwegs, hat insbesondere die Präfektur Fukushima auf über 4000 Straßen- und Schienenkilometern er- und befahren und durfte Menschen begegnen, deren Leben auf unterschiedliche Weise von der außer Kontrolle geratenen Kernspaltung in Fukushima gespalten wurde – in ein Leben vor und in ein Leben nach dem Atomunfall. Wolfgang Ehmke sprach mit dem engagierten Fotojournalisten.

Gorleben Rundschau: Ihnen drängt sich ein Vergleich auf. Sie sagen, ein derartiges Schweigen in der Bevölkerung, in den Medien und innerhalb der Regierung wie jetzt nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima habe es schon einmal gegeben, und zwar 1945 nach den Atombombenabwürfen. Welche Parallelen zum heutigen Schweigen der Ärzte und der Medien gibt es? 

Alexander Tetsch: Als eine der ersten Amtshandlungen verhängte die amerikanische Besatzungsmacht eine strikte Zensur über Japan, sodass weder die Ärzte in Hiroshima und Nagasaki noch die Medien über das wirkliche Ausmaß der Atombombenfolgen berichten durften. Damals haben also die Menschen außerhalb von Hiroshima und Nagasaki überhaupt nicht verstehen können, welche grauenvollen Szenen sich in diesen beiden Städten abgespielt haben und wie die Atombombenopfer unter den gerne verschwiegenen Folgen der Atombombe litten und bis heute noch leiden. Außerdem gibt es überraschende Äußerungen wie die von John Rich, dem Generaldirektor des Weltverbands der Nuklearindustrie (WNA), vom September 2011: „Fukushima ist für uns ein Beweis der Zuverlässigkeit der Nukleartechnik. Schauen Sie: Wir hatten in Fukushima den schlimmsten anzunehmenden Unfall. Und was ist passiert? Nichts! Es gibt nicht einen einzigen Toten, und Experten werden Ihnen bestätigen: Niemand wird durch freigesetzte Strahlung krank werden oder früher sterben.“

GR: Wie aber ist die aktuelle Lage in der Präfektur Fukushima heute wirklich?     AT: Laut eines Berichts des wissenschaftlichen Komitees der Vereinten Nationen für die Folgen von Strahlung (UNSCEAR) vom Mai 2013 werden infolge der Atomkatastrophe weder Menschen sterben noch vermehrt an Krebs erkranken, und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu ähnlich optimistischen Studien. Andererseits beobachten die angesehenen Ärzte einer privaten, unabhängigen Strahlenklinik in Fukushima City schon jetzt in den Schilddrüsen von Schulkindern ungewöhnlich viele Fälle von Zysten und Knoten, die häufig eine typische Vorstufe von Schilddrüsenkrebs sind.

Und da sind die 71 US-Navy-Angehörigen, die mit dem Flugzeugträger „USS Ronald Regan“ nach dem Atomunfall drei Wochen lang vor der japanischen Küste lagen, dem radioaktiven Fallout und dem kontaminierten Wasser ausgesetzt waren und nun – fünf Jahre nach diesem Himmelfahrtskommando – unter Leukämie, Hodenkrebs und Hirntumoren leiden. Da ist zum Beispiel der Professor, der gegen die landesweite Verbrennung radioaktiver Trümmer protestiert und von der Geheimpolizei inhaftiert wird. Da sind die beiden Bio-Bäuerinnen, die ungewollt zu Galionsfiguren der neuen Anti-Atom-Bewegung werden. Ein Zahnarzt gründet ein privates Labor zur Messung der Radioaktivität in Lebensmitteln. Schließlich sind da die vielen verunsicherten Menschen, die wegen der unsichtbaren Strahlung zwar einerseits sehr besorgt um die Gesundheit ihrer Kinder sind, aber andererseits gutgläubig und unkritisch den Aussagen der Politiker, Bürokraten und Atommanager vertrauen.

GR: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass sich ein scharfes und zugleich verwirrendes Bild von einem gespaltenen Japan herauskristallisiere. AT: In Tokio und den anderen Großstädten Japans geht das Leben wieder seinen gewohnten Gang: Business „as usual“. Hier herrscht die Meinung vor, dass Fukushima weit, weit weg und die Lage in den durchgebrannten Atomreaktoren wieder unter Kontrolle sei. Und dieses wiedergewonnene, scheinbare Sicherheitsgefühl wird kaum merklich erschüttert, als etwa eine Bürgerinitiative auf einem öffentlichen Baseballplatz in Tokios Stadtteil Edogawa so hohe Strahlenwerte von Cäsium-137 misst, dass dieses Erdreich in Deutschland sofort als Nuklearabfall speziell entsorgt werden müsste.

In einer Schadenersatzklage gegen TEPCO erließ ein Tokioter Gericht in erster Instanz das skandalöse Urteil, dass alle freigesetzten radioaktiven Partikel beim Verlassen des explodierten Atomkraftwerks auch die Eigentumsgrenzen von TEPCO verlassen hätten und zu einer herrenlosen Sache (res nullius) geworden wären, für deren Dekontamination der Betreiber der durchgeschmolzenen Atomreaktoren finanziell nicht aufkommen müsse. Inzwischen wurde dieses skandalöse Urteil aufgehoben. Die Regierung vertritt die Meinung, dass Strahlendosen von bis zu 100 Millisievert im Jahr für die Bevölkerung einschließlich aller Kinder gesundheitlich unbedenklich seien – in Deutschland hingegen liegt die jährliche Höchstdosis für Mitarbeiter von Kernkraftwerken bei 20 Milllisievert im Jahr.

GR: Die japanische Regierung forciert, wieder möglichst viele Kernkraftwerke ans Netz gehen zu lassen, auch wenn immer deutlicher wird, dass zahlreiche Reaktoren auf aktiven tektonischen Störungszonen gebaut wurden und das nächste große Erdbeben nur eine Frage der Zeit ist. In repräsentativen Umfragen sprechen sich im Gegensatz dazu seit der Atomkatastrophe im März 2011 regelmäßig über 70 Prozent der Japaner für einen schnellen Atomausstieg aus – und nehmen doch stillschweigend hin, dass die japanische Regierung an ihrem atomfreundlichen Kurs festhält? AT: Das ist eine spannende soziologische Frage, über die ich in Tokio nächtelang mit japanischen Journalisten, Politikern und Umweltschützern debattiert habe. Ich habe aus diesen Gesprächen mitgenommen, dass der erst langsam erwachende Widerstand in der typisch japanischen Mentalität begründet liegt, die während der Edo-Shogun-Zeit im 17. Jahrhundert zum eigenen Machterhalt geformt wurde. Seit damals gilt es als höchste Tugend, sich immer völlig unauffällig zu verhalten, sich so weit wie möglich anzupassen und den Mächtigen und Älteren so bedingungslos wie möglich zu folgen. Wer eine andere und vielleicht sogar unbequeme Meinung äußert, hebt sich damit von der Masse ab und wird in Japan schnell als Sonderling gebrandmarkt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Daher versucht jeder, sich möglichst wie sein Nebenmensch zu verhalten. Diese typisch japanische Mentalität hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Ähnlich wie damals in Hiroshima und Nagasaki, verwandeln die meisten Japaner auch nach Fukushima ihre Ängste nicht in lautstarke Proteste und ihr stilles Leiden nicht in Wut. Stattdessen folgen sie gehorsam und schweigend den Entscheidungen der Mächtigen. Und da muss der japanische Atomwiderstand ansetzen. Die Anti-Atom-Aktivisten müssen den Menschen erklären, dass eine ausreichend große Masse von kritisch Denkenden ein politisches System sehr wohl nach dem unmittelbaren Wunsch des Volkes weiterentwickeln kann. Doch ob dieser Sinneswandel angesichts der ständigen Gefahr des nächsten großen Erdbebens rechtzeitig erfolgen wird, ist ein Wettlauft gegen die Zeit.

GR: Haben Sie Antworten auf Ihre Fragen gefunden? Wie sieht es heute in Japan hinter dem Nebel des medialen Schweigens aus?  AT: Gleich vorweg: Strahlenkranke oder Strahlentote habe ich auf meiner dreiwöchigen Reise – außer in Hiroshima – nicht gesehen. Und doch habe ich nach meinen Recherchen erhebliche Zweifel, dass man in zehn oder 20 Jahren immer noch behaupten können wird, niemand sei in der Präfektur Fukushima aufgrund der allgegenwärtigen, signifikant erhöhten Strahlung erkrankt oder früher gestorben. Ehrlich gesagt, da stehe ich noch mitten in einem wüsten Fragenfeld und liefere nur erste Antworten. Welche historischen Wurzeln, sozialen Traditionen und politischen Konstellationen sind für den Umgang mit der Katastrophe verantwortlich? Welche wirtschaftlichen Motive stecken hinter den teilweise widersprüchlich anmutenden Handlungen der verschiedenen Akteure, die sich um Fukushimas Folgen kümmern?

Autor: Wolfgang Ehmke/Gorlebenrundschau 2016

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