Der qualvolle Aufschrei der Dreißig – Das Tschernobyl-Buch der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

Der qualvolle Aufschrei der Dreißig

Das Tschernobyl-Buch der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

Schicksale  Zwei Wochen lang nahm ich täglich das Buch zur Hand. Und sooft ich es zuklappte, um am nächsten Abend weiterzulesen, war ich zutiefst erschüttert. Von Max Conradt

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in einem ukrainischen Dorf geboren und im Jahr 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, hat der Welt in ihrem Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ nicht in ihrer eigenen literarischen Diktion von der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts berichtet, sondern sie hat diejenigen aufgesucht und zu Wort kommen lassen, die dabei waren, die dort lebten und arbeiteten, als am 26. April 1986, gegen halb zwei in der Nacht, eine Serie von Explosionen Reaktor und Gebäude des vierten Energieblocks im Atomkraftwerk Tschernobyl zerstörte. Im Laufe mehrerer Jahre danach hat sie rund 30 mit höchster Sensibilität vorgetragene Monologe von Menschen gesammelt, die in der Stunde der Explosionen im Kernkraftwerk gearbeitet oder im Umkreis von vielen Kilometern gewohnt hatten, von Soldaten, die zum Aufräumen von Moskau aus zur Unglücksstelle abkommandiert waren, von Angestellten des Kraftwerks, von Wissenschaftlern, Medizinern, von Umgesiedelten und Neusiedlern, Reportern, Kameraleuten und auch von jenen, die bald schon nach dem Monolog sterben mussten, weil „der unsichtbare Tod in ihr Blut, in ihr Gehirn, in ihren Körper“ gekrochen war. Die Statistik bringt das Unfassbare zu Papier: 1,5 Millionen Menschen sind an den Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl gestorben – bis heute, denn dort geht das Sterben weiter und die Zukunft wird zeigen, was Tschernobyl wirklich ist, ob es je ein Ende geben wird und ob die in 30 Ländern stehenden 440 Atomreaktoren denn alle – wie gesagt wird – zum Wohle der Menschheit hochgezogen sind. Das japanische Fukushima ist schon eine Antwort darauf.

Als ich nach rund 300 Seiten das Buch von Swetlana Alexijewitsch zur Seite legte, blieb meine rechte Hand darauf liegen, so als wolle sie von diesen unfassbaren, von den aufwiegelnden und zugleich auch wieder ergreifenden Monologen, von dem echostarken Aufschrei der Kreaturen nicht loslassen. Nie zuvor hat mich in meinem langen Leben ein Buch emotional so zupackend ergriffen und nachdenken lassen über das, was wir alle so leichthin als Atomwirtschaft bezeichnen. Zehn Jahre nach den Explosionen wurde in Weißrussland über Tschernobyl geschrieben: „Als Folge der ständigen Einwirkung von geringen Strahlendosen erhöht sich im Land mit jedem Jahr die Zahl der Personen mit Krebserkrankungen, geistiger Unterentwicklung, nervösen und psychischen Störungen sowie genetischen Mutationen.“

Aus dem Monolog der Ljudmila Ignatenko, Ehefrau des umgekommenen Feuerwehrmannes Wassili Ignatenko: „Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann. Die Verbrennungen traten zutage, im Mund, auf der Zunge, auf den Wangen. Zuerst kleine Bläschen, die größer wurden. Die Schleimhaut löste sich in Schichten ab, in weißen Häutchen, die Gesichtsfarbe, die Farbe des Körpers, Blau, Rot, Graubraun… Jemand ermahnte: Vor Ihnen liegt nicht mehr Ihr Mann, Ihr Geliebter, sondern ein hochgradig radioaktiv verseuchtes Objekt… Dass ich bei ihm unter der Folie schlief, wusste keiner von den Ärzten. Die Schwestern ließen mich zu ihm. Zuerst wollten sie es mir ausreden: Du bist noch jung, was denkst du dir dabei. Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor… Ich will ihn noch einmal sehen. Ein letztes Mal. Ich schleppe mich die Treppe hinunter. Er lag noch im Sauerstoffzelt. Seine letzten Worte waren gewesen: Ljussa! Ljussenka!. Sie ist nur mal kurz weg, sie kommt gleich, hatte ihn die Schwester beruhigt. Er seufzte auf und … war still…“

Am Morgen nach der Explosion war ich, Medizinjournalist beim Hamburger Abendblatt, auf einem Ärztekongress in Hannover. In einer Kongresspause wollte ich mir zusammen mit Hans Mohl, dem langjährigen Leiter des „Gesundheits-Magazin Praxis“ im ZDF, draußen im Park ein wenig die Beine vertreten. Er fragte mich: „Hast du heute früh in den Nachrichten von der Atomexplosion irgendwo in Russland gehört?“ Ich wusste nichts davon, und heute, 30 Jahre danach und erst recht nach der Lektüre des Tschernobyl-Buchs, weiß ich, dass uns allen, der ganzen Welt, die verheerenden Folgen dieser Atom-Explosion, dieser Tragödie der gesamten Menschheit, nicht so bekannt sind, wie sie es sein müssten. Schon nach nur vier Tagen hingen die radioaktiven Wolken über Afrika und China. Am 29. April, drei Tage nach dem Inferno, wurden überall in Europa erhöhte Strahlenbelastungen gemessen, in Polen, Deutschland, Österreich, Rumänien und Frankreich, am 3. Mai in Israel, Kuweit und in der Türkei. In Internetzeitungen konnte man zwischen 2002 und 2005 lesen, dass in Weißrussland in der Zeit vor Tschernobyl auf 100 000 Einwohner 82 Fälle von Krebserkrankungen kamen. Heute sind es 6000 Krebskranke auf 100 000 Einwohner – eine 74-fache Erhöhung. Tschernobyl hat die Menschheit in eine neue Realität katapultiert, hat ein neues Feindbild geschaffen, und dieser Feind heißt seitdem Atomkatastrophe. In ihrer Dokumentation sagt Swetlana Alexijewitsch: „Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, sind die Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen, Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts.“

Eine Mauer des Schweigens, des Vertuschens war in wenigen Tagen nach dem 26. Mai von der Kommunistischen Führung in Moskau installiert worden. Statt die Wahrheit zu sagen, setzte eine Glorifizierung ein. Die Schlagzeilen in den Zeitungen von damals: „Tschernobyl – Stätte des Heldentums“, oder „Reaktor besiegt“, oder „Das Leben geht weiter“, oder „Die Lage stabilisiert sich“. Als Instrukteure des Zentralkomitees sich vor Ort informieren wollten, fuhren sie mit dem Auto vom Hotel ins Gebietsparteikomitee, informierten sich aus abgehefteten Lokalzeitungen, brachten in versiegelten Beuteln ihre belegten Brote mit. Eine Empfehlung, die damals im Raum um Tschernobyl kursierte: „Am besten gegen Strontium und Caesium hilft Stolitschnaja-Wodka“. In seinem Monolog sagt der ehemalige erste Sekretär des Kreisparteikomitees von Slawgorod, Wladimir Iwanow: „Die Kommunisten haben das Volk betrogen, sie haben ihm die Wahrheit vorenthalten“. Swetlana Alexijewitsch hat mit dem akribischen Bienenfleiß einer Chronistin der Wahrheit ans Licht verholfen, und sie hat zugleich die Welt gewarnt vor dem Damoklesschwert, das mit der Atomkraft über uns allen hängt.

Aus dem Monolog der Valentina Timofejewna Panassewitsch, Ehefrau eines Montagearbeiters: „Er ist am 19. Oktober 1986, an meinem Geburtstag, nach Tschernobyl gefahren. Er küsste mich. Der Wagen wartete schon unten. Er war Montagearbeiter und reiste in der ganzen Sowjetunion umher… Er hat in Tschernobyl ohne Mütze gearbeitet, seinen Kumpels fielen nach einem Jahr die Haare aus, bei ihm wurden sie sogar noch dichter… Er wollte nicht zum Arzt gehen. Ich spüre nichts, hatte er gesagt. Aber die Lymphdrüsen waren schon so groß wie Hühnereier. Ich schob ihn mit Gewalt ins Auto und brachte ihn in die Poliklinik… Eine Woche später wurden Schilddrüse und Kehlkopf völlig entfernt… Dieses ganze Jahr über näherte er sich immer mehr dem Tod… Ich habe ihn so sehr geliebt wie ich ihn nicht mehr hätte lieben können, wenn ich ihn selber geboren hätte. Er verwandelte sich vor meinen Augen – in ein Ungeheuer… Wer hat mich wieder ins Leben geholt? Mein Sohn, unser beider Sohn. Er ist krank, er ist erwachsen, aber er sieht die Welt mit Kinderaugen, mit den Augen eines Fünfjährigen… Er lebt in einer psychiatrischen Klinik. Damit er leben kann, muss er dort sein, sagten sie Ärzte… Wir werden zusammen auf ihn warten, ich werde mein Gebet für ihn flüstern, und er wird die Welt mit Kinderaugen ansehen.“

Die Chronik der Zukunft, wie Alexijewitsch ihre Dokumenten-Sammlung nennt, kann niemand unberührt lassen. Sie ist ein hochbrisanter Beitrag zur weltweiten Atom-Debatte, und es wäre gewiss eine herausragende, dankenswerte Tat, wenn in den höheren Klassen der Schulen das Tschernobyl-Buch in den Rang einer Pflichtlektüre gelangte, wenn die Monologe im Klassenzimmer nacheinander laut von Schülern vor Schülern vorgelesen würden.

Es ist gut vorstellbar, dass, wenn der Leser die Lektüre zu Ende gebracht hat, seine Hand auf dem Buch liegen bleibt, so als wolle er damit die Hoffnung festhalten, die das Buch – trotz aller Düsternis der Monologe – als Mahnung an alle Menschen in der Welt zurücklässt.

Autor: Max Conradt/Gorlebenrundschau 2016

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